Der ehemalige französische Tennisprofi Fabrice Santoro hat kürzlich eine kritische Analyse über Alexander Zverevs Leistungen abgegeben, die in der Tenniswelt für Aufsehen sorgt. Santoro, der selbst einst die Nummer 17 der Weltrangliste erreichte, äußerte sich im Podcast „Air Open“ von L’Équipe und benannte eine entscheidende Schwäche, die seiner Meinung nach der Hauptgrund dafür ist, warum Zverev in entscheidenden Matches gegen Topspieler wie Jannik Sinner und Carlos Alcaraz immer wieder scheitert. Seine Worte werfen ein Schlaglicht auf die Herausforderungen, denen sich der deutsche Tennisstar gegen die neue Generation der Elite stellen muss, und bieten zugleich eine Erklärung für dessen bisher ausbleibenden Grand-Slam-Triumph.

Zverev, aktuell die Nummer 2 der Welt, hat in den letzten Jahren beeindruckende Fortschritte gemacht. Nach seiner schweren Knöchelverletzung im Halbfinale der French Open 2022 gegen Rafael Nadal kämpfte er sich zurück an die Spitze und sicherte sich im Herbst 2024 den Titel beim Rolex Paris Masters, was ihm den Sprung vor Alcaraz im ATP-Ranking einbrachte. Sein Weg ins Finale der Australian Open 2025 schien ein weiterer Beweis für seine wachsende Reife und Stärke zu sein. Doch im entscheidenden Match gegen Jannik Sinner unterlag er in drei Sätzen (6-3, 7-6, 6-3), ohne auch nur einen einzigen Breakball zu erspielen. Diese Niederlage – seine dritte in einem Grand-Slam-Finale – führte Santoro dazu, eine klare Schwäche in Zverevs Spiel zu identifizieren: seine mangelnde Fähigkeit, an der Netzkante effektiv zu agieren.
„Er hat enorm viele Qualitäten, er ist ein sehr großer Champion, aber er hat keine wirklich gute Hand“, erklärte Santoro. „Er fühlt sich nicht wohl am Netz, und leider, wenn man Passing-Schläge von Alcaraz oder Sinner kassiert, braucht man eine gute Volleyschläge, sonst wird man durchlöchert.“ Diese Einschätzung zielt direkt auf Zverevs Defensivstil ab, der ihm zwar regelmäßige Siege gegen die meisten Gegner einbringt, jedoch gegen die dynamischen und vielseitigen Spieler wie Sinner und Alcaraz an seine Grenzen stößt. Santoro betonte, dass Zverevs Größe von 1,98 Metern und seine Reichweite ihn zu einem exzellenten Grundlinienspieler machen, aber sein Zögern, das Netzspiel zu suchen, ihn verwundbar lässt, sobald die Punkte kürzer und aggressiver werden.

Diese Kritik ist nicht neu, doch sie gewinnt an Gewicht angesichts der jüngsten Duelle. Bei den Australian Open zeigte Sinner eine nahezu unfehlbare Präzision und Aggressivität, die Zverevs defensive Strategie neutralisierte. Ähnlich war es bei der French Open 2024, als Alcaraz im Finale über fünf Sätze triumphierte, indem er Zverev mit einer Mischung aus tiefen Grundschlägen und plötzlichen Netzangriffen überrumpelte. Santoro zieht einen Vergleich zu einem anderen Spieler, den er gut kennt: Gaël Monfils. „Zverev hat ein Problem, das ich manchmal auch bei Gaël Monfils erwähnt habe“, sagte er. „Wenn man so stark ist, ohne nach vorne zu spielen, fällt es schwer, aus der Komfortzone herauszukommen und offensiver zu agieren.“ Dieser innere Konflikt zwischen Sicherheit und Risiko könnte laut Santoro der Schlüssel sein, der Zverev von seinem ersten Major-Titel trennt.
Die Tenniswelt beobachtet seit Jahren, wie Zverev an der Schwelle zur absoluten Spitze steht. Seine Konstanz ist unbestreitbar – seit November 2023 hat er kein Match ohne mindestens einen Satzgewinn verloren, ein Zeichen seiner mentalen und physischen Stärke. Doch gegen die neue Welle von Spielern, die keine Schwächen zu haben scheinen, reicht das nicht aus. Sinner, der Weltranglistenerste, bringt eine Intensität in jeden Schlag, die an die Hochzeiten von Djokovic erinnert, während Alcaraz mit seiner Vielseitigkeit und Geschwindigkeit die Gegner überfordert. Santoros Analyse legt nahe, dass Zverevs Spiel, so beeindruckend es auch ist, eine entscheidende Evolution benötigt, um diesen Gegnern auf Augenhöhe zu begegnen.
Die Reaktionen auf Santoros Worte sind gemischt. Einige Fans sehen darin eine treffende Diagnose, die Zverev helfen könnte, sein Potenzial voll auszuschöpfen. „Er muss mehr Risiko eingehen, sonst bleibt er immer der Zweite“, schrieb ein Nutzer auf X. Andere verteidigen Zverevs Stil, argumentieren, dass seine Erfolge – darunter zwei ATP-Finals-Titel und Olympiagold 2021 – zeigen, dass er bereits ein Champion ist. Doch die nackten Zahlen sprechen eine andere Sprache: Drei Grand-Slam-Finalniederlagen, jedes Mal gegen einen Spieler, der bereit war, das Spiel an sich zu reißen, anstatt abzuwarten.
Für Zverev selbst war die Niederlage gegen Sinner ein harter Schlag. „Ich war einfach nicht gut genug“, sagte er bei der Siegerehrung in Melbourne – ein ungewohnt selbstkritisches Urteil von einem Spieler, der sonst für sein Selbstvertrauen bekannt ist. Doch genau diese Einsicht könnte der Ausgangspunkt für eine Veränderung sein. Santoro glaubt, dass Zverevs Problem nicht allein technisch ist, sondern auch mental: die Bereitschaft, aus der Defensive herauszutreten und die Kontrolle zu übernehmen. „Wenn man so stark ist, ohne nach vorne zu gehen, ist es schwer, sich zu trauen“, fügte er hinzu, und deutete damit auf eine psychologische Barriere hin, die Zverev überwinden müsste.
Die kommenden Monate werden entscheidend sein. Mit Indian Wells und Miami vor der Tür hat Zverev die Chance, auf Hartplatz – seiner stärksten Unterlage – zu zeigen, ob er Santoros Kritik in Taten umsetzen kann. Die French Open im Mai 2025 könnten ein weiterer Prüfstein werden, besonders gegen Alcaraz, der auf Sand bereits bewiesen hat, dass er Zverev übertreffen kann. Djokovic, trotz seines fortgeschrittenen Alters immer noch eine Macht, bleibt ebenfalls im Hintergrund, doch die wahre Bedrohung für Zverev kommt von der jungen Garde.
Santoros Worte sind mehr als nur eine Kritik – sie sind ein Aufruf zum Wandel. Ob Zverev diesen annimmt oder weiterhin auf seine bewährte Methode setzt, wird nicht nur seinen Platz in der Geschichte bestimmen, sondern auch zeigen, ob er die Schwäche, die Santoro so präzise benannt hat, überwinden kann. Für den Moment bleibt der deutsche Star ein Champion ohne Krone – nah dran, aber noch nicht ganz da, wo er sein könnte.